Der Anteil erneuerbarer Energien am deutschen Strommix hat 2025 erstmals die 60-Prozent-Marke überschritten. Das ist objektiv ein Meilenstein. Gleichzeitig hängen der Netzausbau und die Speicherkapazitäten weit hinter dem zurück, was eine sichere Vollversorgung mit sauberem Strom erfordern würde. Wie weit Deutschland also wirklich ist – und wo die größten Baustellen bleiben – zeigt dieser Faktencheck.
- Erneuerbare Energien deckten 2025 rund 62 % des deutschen Bruttostromverbrauchs
- Solar- und Windkraft sind die tragenden Säulen – mit weiter steigendem Ausbautempo
- Netzengpässe und fehlende Speicher bremsen die Energiewende strukturell aus
- Im EU-Vergleich liegt Deutschland im Mittelfeld – nicht an der Spitze
- Das Ziel von 80 % erneuerbarem Strom bis 2030 ist ambitioniert, aber rechnerisch erreichbar
Aktuelle Zahlen: Wo der Strommix 2025/26 wirklich steht
Nach Daten der Bundesnetzagentur und des Fraunhofer ISE haben Wind- und Solaranlagen im Jahr 2025 gemeinsam mehr Strom produziert als alle konventionellen Kraftwerke zusammen. Das hat es in dieser Form noch nicht gegeben.
Konkret sieht die Aufteilung so aus:
- Windkraft (onshore + offshore): ca. 35 % des Bruttostromverbrauchs
- Photovoltaik: ca. 14 %
- Biomasse: ca. 8 %
- Wasserkraft: ca. 4 %
- Gesamt erneuerbar: ~62 %
Der Rest kommt noch aus Erdgas (ca. 14 %), Kohle (ca. 16 %) und einem kleinen Anteil sonstiger Quellen. Die letzten drei deutschen Kernkraftwerke wurden 2023 abgeschaltet – ihr Anteil ist null.
Wichtig zu verstehen: Diese 62 % sind ein Jahresdurchschnitt. An windigen Herbsttagen kann der erneuerbare Anteil zeitweise über 90 % liegen. An trüben Wintertagen mit Flaute fällt er auf unter 20 %. Genau das ist das strukturelle Kernproblem.
Solarenergie Deutschland: Der Sektor mit dem größten Schwung
Photovoltaik hat in den letzten drei Jahren eine Dynamik entwickelt, die selbst optimistische Prognosen übertroffen hat. 2023 waren rund 66 Gigawatt (GW) installiert, Ende 2025 lagen die Schätzungen bereits bei über 95 GW. Das entspricht einem Zubau von fast 15 GW pro Jahr.
Was dahintersteckt: Der Einbruch der Modulpreise um über 60 % seit 2021 hat Photovoltaik für Privatleute und Gewerbebetriebe attraktiver gemacht als je zuvor. Balkonkraftwerke, Agri-PV und Mieterstrom-Modelle haben neue Zielgruppen erschlossen.
Wer sich fragt, ob sich eine eigene Anlage noch lohnt: Die Rendite von Photovoltaik-Anlagen liegt aktuell für Eigenheimbesitzer bei 6–10 % pro Jahr – trotz gesunkener Einspeisevergütung, weil der Eigenverbrauch deutlich profitabler geworden ist. Auch die Mehrwertsteuerbefreiung für Photovoltaikanlagen macht neue Investitionen spürbar günstiger.
Das Ziel der Bundesregierung: 215 GW installierte Solarleistung bis 2030. Das klingt ehrgeizig – aber beim aktuellen Zubautempo ist es erreichbar, wenn Genehmigungsverfahren nicht wieder bremsen.
Windkraft Ausbau: Tempo steigt – aber Hürden bleiben
Windenergie ist die mit Abstand wichtigste Säule der Energiewende in Deutschland. Onshore-Wind allein deckt rund 26 % des Stromverbrauchs, Offshore-Anlagen kommen auf etwa 9 %.
Der Windkraftausbau hat sich seit 2022 erheblich beschleunigt. Das „Wind-an-Land-Gesetz“ verpflichtet die Bundesländer, 2 % der Landesfläche für Windkraft auszuweisen. Das war überfällig – denn jahrelang scheiterten Projekte an restriktiven Abstandsregelungen, langen Klageverfahren und fehlendem Planungswillen in den Kommunen.
Stand Anfang 2026 zeigt sich ein differenziertes Bild:
- Norddeutschland (Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Brandenburg) baut konsequent aus und übertrifft Zielwerte teilweise
- Bayern und Baden-Württemberg hinken deutlich hinterher – die 10H-Regel in Bayern ist zwar gefallen, wirkt aber in der Planungspraxis nach
- Offshore nimmt Fahrt auf: Bis 2030 sollen 30 GW in der Nord- und Ostsee installiert sein, aktuell sind es rund 9 GW
Ein weiteres Problem: Selbst genehmigte Anlagen stehen monatelang still, weil das Netz sie nicht aufnehmen kann. Das ist kein Randproblem – es betrifft regelmäßig Hunderte von Megawattstunden, die schlicht abgeregelt werden.
Was noch fehlt: Speicher und Netz als kritische Engpässe
Hier liegt die eigentliche Herausforderung der Energiewende – und sie wird in der öffentlichen Debatte systematisch unterschätzt.
Netzausbau: Deutschland bräuchte bis 2030 etwa 10.000 Kilometer neue Übertragungsleitungen. Davon sind laut Bundesnetzagentur bislang rund 4.500 km geplant oder im Bau – und davon fertig gestellt deutlich weniger. Der Süden Deutschlands ist strukturell unterversorgt, weil der Windstrom aus dem Norden nicht schnell genug transportiert werden kann. Redispatch-Kosten (also die Kosten für Eingriffe ins Netz zur Stabilisierung) lagen 2025 bei über 3 Milliarden Euro – finanziert über die Netzentgelte.
Stromspeicher: Batteriespeicher boomen, doch sie sind für kurzfristige Schwankungen (Stunden) geeignet, nicht für saisonale Speicherung (Sommer-Strom für Winter). Die entscheidende Technologie für saisonale Speicherung heißt grüner Wasserstoff – und hier ist Deutschland noch in einem sehr frühen Stadium. Die Elektrolyseur-Kapazitäten sind trotz milliardenschwerer Förderprogramme deutlich unter Plan. Eine vielversprechende dezentrale Lösung für Haushaltsspeicher ist zum Beispiel die LichtBlick Schwarmbatterie, die Heimspeicher zu einem virtuellen Kraftwerk vernetzt.
Das bedeutet konkret: Solange diese Infrastruktur fehlt, bleibt Deutschland auf Backup-Kapazitäten aus Erdgas angewiesen – auch wenn am Mittagspickel massiv Solar- und Windstrom ins Netz fließt.
Deutschland im EU-Vergleich: Mittelfeld, kein Spitzenreiter
Der Blick nach Europa relativiert das deutsche Selbstbild als Vorreiter der Energiewende.
Länder wie Dänemark (über 85 % erneuerbarer Strom), Österreich (ca. 80 %, stark Wasserkraft) und Spanien (über 65 %, mit rapidem Solar-Zubau) liegen teils deutlich vor Deutschland. Frankreich hat durch seinen hohen Kernkraftanteil zwar niedrige CO2-Emissionen im Stromsektor, hinkt beim Ausbau der Erneuerbaren aber hinterher.
Besonders auffällig: Spanien hat 2024/25 seinen Solar-Zubau massiv beschleunigt und liegt beim Photovoltaik-Zubau pro Kopf deutlich vor Deutschland. Der Unterschied liegt weniger an den natürlichen Voraussetzungen als an der Regulierung – Spanien hat bürokratische Hürden für Solarparks erheblich gesenkt.
Deutschland punktet in Europa vor allem beim Windkraft-Know-how und als Exporteur von Windstrom in Spitzenlastzeiten. Beim Thema Recycling und Kreislaufwirtschaft zeigt das Land ebenfalls eine verhältnismäßig starke Position – was langfristig auch für die Entsorgung ausgedienter Solarmodule und Windrotorblätter relevant wird.
Fazit: Fortschritt ja – aber mit offenen Flanken
Die Energiewende in Deutschland kommt voran. Der Überschreiten der 60-Prozent-Marke bei den erneuerbaren Energien ist kein Marketingtrick, sondern eine messbare Leistung. Solar- und Windkraft wachsen schneller als noch vor fünf Jahren prognostiziert.
Gleichzeitig wäre es falsch, darüber die strukturellen Schwächen kleinzureden. Netzausbau und Speicherkapazitäten hinken dem Erzeugungsausbau spürbar hinterher. Regionale Ungleichgewichte beim Windkraft-Ausbau bestehen fort. Und das Ziel von 80 % erneuerbarem Strom bis 2030 erfordert nicht nur weiteren Zubau, sondern vor allem eine massiv beschleunigte Netzplanung.
Wer sich für die Energiewende interessiert, sollte also sowohl die echten Erfolge würdigen als auch die noch offenen Flanken kennen. Beides gehört zum ehrlichen Bild von „Erneuerbare Energien Deutschland 2026″.
FAQ
Wie hoch ist der Anteil erneuerbarer Energien in Deutschland 2025/2026?
Der Anteil erneuerbarer Energien am deutschen Bruttostromverbrauch lag 2025 bei rund 62 %. Windkraft (onshore und offshore) ist mit ca. 35 % der größte Einzelposten, gefolgt von Solar mit ca. 14 % und Biomasse mit ca. 8 %.
Schafft Deutschland das 80-Prozent-Ziel bis 2030?
Rechnerisch ist es möglich, wenn das aktuelle Ausbaustempo bei Solar und Wind anhält. Die entscheidende Frage ist, ob Netzausbau und Speicherkapazitäten mithalten können. Ohne diese Infrastruktur bleibt auch ein hoher Erzeugungsanteil instabil.
Warum ist Windstrom trotz hohem Anteil nicht jederzeit verfügbar?
Wind und Sonne sind naturgemäß unstetig. An windstillen, bewölkten Wintertagen kann der erneuerbare Anteil im deutschen Netz auf unter 20 % sinken. Genau deshalb braucht eine vollständig auf Erneuerbare gestützte Stromversorgung umfangreiche Speichermöglichkeiten und ein ausgebautes Übertragungsnetz.
Welche Bundesländer liegen beim Windkraftausbau vorne?
Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Brandenburg sind die führenden Bundesländer beim Onshore-Windkraft-Ausbau. Bayern hinkt trotz des Falls der 10H-Regel deutlich hinterher – sowohl bei Zubau als auch bei Flächenausweisung für Windkraft.
