Sojasauce gehört zu den ältesten Würzmitteln der Welt – und trotzdem landet sie heute meist aus dem Supermarktregal im Kochtopf. Dabei steckt hinter einer wirklich guten Sojasauce ein Fermentationsprozess, der weit mehr Tiefe erzeugt als alles, was industriell in wenigen Tagen unter chemischer Beschleunigung hergestellt wird. Wenn du Sojasauce selber machen willst, lernst du nicht nur eine jahrhundertealte Technik kennen, sondern weißt auch genau, was drin ist.
Industrielle Sojasaucen enthalten oft Zusatzstoffe, Farbstoffe und beschleunigte Fermentation durch Salzsäurehydrolyse. Das Ergebnis ist eine schnelle, standardisierte Sauce – aber keine echte. Hausgemachte Sojasauce ist aufwendiger, kein Zweifel. Aber sie ist ehrlicher, intensiver und völlig ohne Konservierungsstoffe.
In dieser Anleitung lernst du sowohl die klassische Methode über Monate als auch eine schnelle Variante ohne langen Fermentationsprozess.
- Klassische Sojasauce benötigt Koji-Schimmel, Sojabohnen, Weizen, Salz – und mindestens 3 bis 6 Monate Geduld
- Der Fermentationsprozess erzeugt Umami-Tiefe, die keine industrielle Sauce erreicht
- Eine schnelle Variante ohne Fermentation ist in wenigen Stunden fertig, aber geschmacklich weniger komplex
- Shoyu, Tamari und Teriyaki sind unterschiedliche Saucen mit eigenen Profilen – kein Synonym
- Hausgemachte Sojasauce enthält keine Konservierungsstoffe und lässt sich gut lagern
Klassische Sojasauce selber machen: Was du brauchst
Die traditionelle Sojasauce – japanisch Shoyu, chinesisch Jiàngyóu – basiert auf einer Handvoll einfacher Zutaten. Der entscheidende Faktor ist nicht die Zutat selbst, sondern die Zeit und der Fermentationsprozess.
Zutaten für ca. 1 Liter fertige Sojasauce:
- 500 g trockene Sojabohnen (ungekeimt, naturbelassen)
- 250 g Weizenkörner (ganze Körner, kein Mehl)
- 250 g Koji-Reis oder Koji-Gerste (Aspergillus oryzae – erhältlich im Asia-Shop oder online)
- 300–350 g nicht-jodiertes Meersalz oder grobes Steinsalz
- 1,5–2 Liter Wasser (gefiltertes Wasser bevorzugt)
Koji-Schimmel (Aspergillus oryzae) ist das Herzstück der Fermentation. Er baut Proteine in Aminosäuren um – darunter Glutaminsäure, die den unverwechselbaren Umami-Geschmack erzeugt. Ohne Koji entsteht keine echte fermentierte Sojasauce.
Du brauchst außerdem ein sauberes Keramik- oder Glasgefäß mit mindestens 3 Liter Fassungsvermögen, ein feinmaschiges Tuch zum Filtern und einen kühlen, dunklen Stellplatz.
Fermentierte Sojasauce – Schritt für Schritt
Der Prozess dauert mehrere Monate. Plane realistisch: drei Monate sind das absolute Minimum, sechs Monate ergeben deutlich bessere Ergebnisse, und traditionelle japanische Sojasaucen reifen teilweise über zwei Jahre.
Woche 1 – Vorbereitung und Koji-Ansatz:
- Sojabohnen über Nacht einweichen, dann 4–6 Stunden weich kochen (sie sollen zerdrückbar sein)
- Weizenkörner in einer trockenen Pfanne anrösten, bis sie leicht goldgelb duften, dann grob mahlen oder schroten
- Beides abkühlen lassen und mit dem Koji-Reis gut vermengen
- Diese Mischung bei 28–32 °C für 40–48 Stunden ruhen lassen (z. B. im Ofen mit eingeschaltetem Licht) – der Koji-Schimmel bildet sich jetzt
- Du erkennst ihn an einem weißlich-grünlichen Flaum und einem angenehm pilzigen Geruch
Woche 1–2 – Moromi ansetzen:
- Salz in Wasser auflösen (Sole: ca. 18 % Salzgehalt)
- Die Koji-Mischung in dein Gärgefäß geben und mit der Salzlake übergießen
- Gut umrühren und abdecken (Stoff, kein luftdichter Deckel – die Gärung braucht minimalen Luftaustausch)
- Dieses Gemisch heißt Moromi – die Grundmaische
Monate 1–3 – Regelmäßiges Rühren:
- In den ersten 4 Wochen täglich umrühren, danach alle 2–3 Tage
- Das Rühren verhindert Schimmelbildung an der Oberfläche und fördert gleichmäßige Fermentation
- Eine dünne weiße Schicht an der Oberfläche ist normal (Kahmhefe) – einfach einrühren
- Faulig riechende Schichten oder bunte Schimmelflecken (grün, schwarz, rosa) dagegen sind ein Warnsignal – dann den Ansatz entsorgen

Monate 3–6 – Reifung:
- Nach dem dritten Monat riecht das Moromi deutlich nach Sojasauce – dunkel, salzig, würzig
- Jetzt kannst du das erste Mal probieren: Es soll salzig-umami schmecken, nicht bitter oder säuerlich
- Je länger die Reifung, desto komplexer der Geschmack
- Für ein intensiveres Aroma: Gefäß in die Sonne stellen für einige Wochen (traditionell in Japan so praktiziert)
Abschluss – Filtern und Pasteurisieren:
- Das Moromi durch ein feines Tuch pressen – kräftig ausdrücken, um alle Flüssigkeit zu gewinnen
- Die gefilterte Flüssigkeit in einem Topf auf 80 °C erhitzen und 15–20 Minuten halten (Pasteurisierung)
- Schaum abschöpfen
- In sterile Flaschen füllen und im Kühlschrank lagern – hält sich 6–12 Monate
Schnelle Sojasauce selber machen: Die Variante ohne Fermentation
Du hast keine Monate Zeit oder willst zuerst testen, ob dir das Projekt Spaß macht? Dann ist die schnelle Variante die richtige Einstiegsmethode. Das Ergebnis ist kein direkter Ersatz für fermentierte Sojasauce, aber für viele Gerichte absolut tauglich.
Diese Methode ähnelt einer schnellen Tamari – ohne Weizen, mit intensivem Sojabohnengeschmack.
Zutaten für ca. 500 ml:
- 200 g Sojabohnen
- 600 ml Wasser
- 3–4 EL Meersalz
- 1 EL Reisessig
- 1 TL Melasse oder dunkles Zuckerrübensyrup (für Farbe und leichte Süße)
- Optional: 1 Knoblauchzehe, 1 Lorbeerblatt, etwas getrocknetes Seetang
Zubereitung:
- Sojabohnen über Nacht einweichen, dann 3–4 Stunden weich kochen
- Bohnen abgießen, Kochwasser aufheben
- Bohnen pürieren, mit Kochwasser, Salz, Essig und Melasse vermengen
- 20–30 Minuten bei mittlerer Hitze köcheln lassen
- Durch ein feines Tuch oder Kaffeefilter pressen
- Abschmecken – bei Bedarf mehr Salz oder ein Spritzer Essig
Der Unterschied zur fermentierten Variante ist klar: weniger Tiefe, weniger Umami, weniger Komplexität. Aber als Grundlage für Marinaden oder zum Würzen von Suppen ist diese Version absolut verwendbar und bereit in unter einer Stunde.
Unterschied: Shoyu, Tamari, Teriyaki
Diese drei Begriffe werden im Alltag oft vermischt. Dabei sind es drei klar unterschiedliche Produkte.
Shoyu ist der japanische Begriff für klassische Sojasauce – aus Sojabohnen und Weizen fermentiert. Sie ist vielseitig, leicht salzig und hat ein ausgewogenes Aroma. Die meisten westlichen Sojasaucen sind Shoyu-Varianten.
Tamari entsteht fast ausschließlich aus Sojabohnen, enthält kaum oder keinen Weizen. Dadurch ist sie glutenfrei und hat einen kräftigeren, dunkleren Geschmack. Wer mit Zöliakie oder Glutenunverträglichkeit lebt, greift zu Tamari.
Teriyaki ist keine Sojasauce im eigentlichen Sinne – sondern eine Glasur. Sie besteht aus Sojasauce, Mirin (süßer Reiswein), Zucker und manchmal Sake. Teriyaki ist süßer, zähflüssiger und wird zum Glasieren von gegrilltem Fleisch oder Tofu verwendet.
Für ein Sojasauce selber machen-Projekt ist Shoyu der Einstieg. Tamari entsteht als Nebenprodukt der Miso-Herstellung und erfordert einen anderen Prozess. Teriyaki lässt sich mit fertigem Shoyu leicht selbst mischen.
Sojasauce verwenden: Rezeptideen
Hausgemachte Sojasauce ist intensiver als industrielle Varianten – du brauchst meist weniger davon. Hier einige Ideen, wie du sie sinnvoll einsetzt:
Basis-Marinade für Tofu oder Tempeh: Sojasauce, Sesamöl, frischer Ingwer, etwas Knoblauch. Tofu darin 30 Minuten ziehen lassen, dann anbraten.
Asiatisches Salatdressing: 2 EL Sojasauce, 1 EL Reisessig, 1 TL Honig, 1 TL Sesamöl, etwas Chili. Perfekt zu Gurkensalat oder Glasnudeln.
Umami-Boost für Suppen: Ein Schuss hausgemachte Sojasauce direkt vor dem Servieren in Gemüsebrühe oder Miso-Suppe intensiviert das Aroma erheblich.
Einfache Dip-Sauce: Sojasauce pur oder mit etwas Wasabi und Frühlingszwiebeln verrührt – klassisch zu Sushi oder Gyoza.
Achte bei all diesen Rezepten darauf, dass du weniger salzt als gewohnt. Die hausgemachte Sauce bringt genug Salz mit.
Wer auf einen nachhaltigen Einkauf achtet, sollte auch bei Sojabohnen auf Bio-Qualität und faire Herkunft setzen – Soja aus Südamerika ist häufig mit Regenwaldzerstörung verbunden. Europäische oder asiatische Bio-Sojabohnen sind die bessere Wahl.
Häufige Fehler und Tipps
Wer zum ersten Mal Sojasauce selber machen will, macht erfahrungsgemäß ein paar klassische Fehler. Hier sind die wichtigsten Stolperfallen und wie du sie vermeidest:
Falsches Salz verwenden: Jodiertes Speisesalz hemmt die Fermentation. Immer nicht-jodiertes Meersalz oder Steinsalz verwenden.
Zu wenig Salz: Die Salzkonzentration in der Sole schützt vor unerwünschten Bakterien. Unter 15 % Salzgehalt riskierst du Fehlaromen oder Schimmel.
Luftdicht abdecken: Die Fermentation erzeugt CO2. Ein komplett luftdichter Deckel kann Druck aufbauen oder die Gärung hemmen. Ein Tuch oder locker aufgelegter Deckel ist besser.
Zu selten rühren: Gerade in den ersten Wochen ist tägliches Rühren wichtig. Wer das vergisst, riskiert Schimmelbildung an der Oberfläche.
Ungeduldig filtern: Wer nach 6 Wochen filtert, bekommt eine schwache, unreife Sauce. Mindestens 3 Monate warten. Je länger, desto besser.
Pasteurisierung weglassen: Die Pasteurisierung macht die Sauce haltbar und stabilisiert den Geschmack. Ohne diesen Schritt hält sie sich im Kühlschrank nur wenige Wochen.
Ein guter Anhaltspunkt für gelungene Fermentation: Das Moromi riecht angenehm würzig-salzig, nicht faulig oder nach Ammoniak. Vertrau deiner Nase – sie ist der zuverlässigste Indikator.
Wer ein umfassendes Nachhaltigkeitsbewusstsein in der Küche entwickeln will, kann auch einen Blick auf den Zero-Waste-Ansatz im Alltag werfen – hausgemachte Fermente passen perfekt dazu, weil sie Verpackungsmüll sparen und die volle Kontrolle über Inhaltsstoffe geben.
Fazit
Sojasauce selber machen ist kein Wochenendprojekt, aber ein lohnendes. Die klassische fermentierte Variante braucht Monate – und belohnt dich mit einer Sauce, die industriell so nicht zu kaufen ist. Reich an Umami, ohne Zusatzstoffe, mit einem Geschmacksprofil, das du selbst steuern kannst.
Wer einmal den Unterschied zwischen einer selbst fermentierten und einer Supermarkt-Sojasauce gekostet hat, versteht sofort, warum traditionelle Herstellung weltweit so geschätzt wird. Der Aufwand ist überschaubar – du brauchst keine spezielle Ausrüstung, nur gute Zutaten, ein geeignetes Gefäß und Geduld.
Die schnelle Variante ist ein guter Einstieg, wenn du die Grundtechnik erst kennenlernen willst. Aber spätestens nach dem zweiten Versuch wirst du den klassischen Weg gehen wollen. Das Ergebnis spricht für sich.
FAQ
Wie lange ist hausgemachte Sojasauce haltbar?
Nach der Pasteurisierung und in sterile Flaschen abgefüllt hält sich die Sauce im Kühlschrank 6 bis 12 Monate. Ohne Pasteurisierung nur wenige Wochen. Ein Zeichen für verdorbene Sauce ist ein fauliger oder ammoniakartiger Geruch.
Wo bekomme ich Koji-Schimmel?
Koji-Reis oder Koji-Sporen sind in gut sortierten Asia-Shops, Reformhäusern oder online erhältlich. Suchbegriffe: „Koji-Kin“, „Aspergillus oryzae Sporen“, „Koji-Starter“. Preislich liegt ein Paket zwischen 8 und 20 Euro und reicht für mehrere Ansätze.
Kann ich Sojasauce selber machen ohne Weizen?
Ja. Wenn du auf Weizen verzichtest und nur Sojabohnen mit Koji fermentierst, erhältst du eine Tamari-ähnliche Sauce. Die Textur ist etwas dicker, der Geschmack kräftiger und dunkler. Ideal für alle, die glutenfrei leben möchten.
Muss es immer Aspergillus oryzae sein?
Ja, für authentische Sojasauce. Aspergillus oryzae erzeugt das optimale Enzymmuster für den Proteinabbau, der die Umami-Aromen freisetzt. Andere Stämme produzieren andere Geschmacksprofile – oder funktionieren gar nicht.
Was mache ich, wenn sich farbiger Schimmel bildet?
Wenn sich grüner, schwarzer, pinkfarbener oder rötlicher Schimmel bildet – nicht einrühren, sondern den Ansatz entsorgen. Das passiert meist, wenn das Salzlevel zu niedrig ist oder das Gärgefäß nicht sauber war. Ein neuer Ansatz mit korrekter Sole (mindestens 17–18 % Salz) startet sicher durch.
